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06.06.2013

Tim Bendzko

Album Nr. 2

Fast auf den Tag genau zwei Jahre nach "Wenn Worte meine Sprache wären" ist sein zweites Album "Am seidenen Faden" erschienen. Bereits wenige Tage später hat sich abgezeichnet, dass sich das Album gut in den Charts platzieren wird, dennoch war Tim etwas nervös:

"Beim ersten Album hat keiner damit gerechnet, dass irgendwas passiert, und das geht plötzlich auf Vier in den Charts. Völlig absurd. Die logische Konsequenz wäre, wenn jetzt das zweite Album in die Charts geht und besser ist als das erste, dass man total froh ist. Aber jetzt wäre man fast traurig über Platz zwei, was ja völlig verrückt ist. Das zeigt, dass einem das eigentlich wichtiger ist, als man wahrhaben möchte, weil alle Menschen um mich herum und auch ich jetzt den ganzen Tag mit fiebern: Ist es die Eins oder ist es die Zwei?"

Das Album ist auf Platz 1 der Charts eingestiegen.

Tim, der Seelensprecher

Die Songs sind etwas dynamischer und direkter als beim Vorgängeralbum. Seine Fans nennen ihn "Seelensprecher", weil seine Texte zum Nachdenken anregen. "Wenn Menschen wegen meiner Lieder Dinge hinterfragen, bin ich ganz froh", sagt Tim.

Inzwischen wird er überall erkannt: "Deutlich mehr Menschen kennen jetzt das Gesicht zu meiner Musik. Für die Musik kann das gut sein, aber für mich auf der Straße bedeutet das, dass ich im Auto fotografiert werde und mir die Leute mit dem Auto hinterherfahren. Es ist nicht so schlimm, dass ich mich beklagen könnte, aber es gibt Situationen, in denen ich schnell über die Straße laufen muss."

Tim ist immer noch Tim

Über den Umgang mit dem Ruhm könnte er Bücher schreiben. Er hatte etwas Zeit, sich auf seine Karriere vorzubereiten, weil er schon immer Musiker werden wollte. Am Tag, als sein erstes Album kam, war er es endlich. "Und da hat man schon ein ganz anderes Selbstverständnis und Selbstbewusstsein, weil man seinen Traum lebt. Das verändert einen zum Positiven. Man muss allerdings lernen, mit der neuen Situation umzugehen, einen roten Faden zu finden. Man muss mit den neuen Umständen klarkommen und gleichzeitig lernen, den Erfolg zu genießen. Man kann sich ja nicht komplett abschotten, alles ignorieren und gleichzeitig hoffen, normal zu bleiben. Man verändert sich auf jeden Fall, man wird deutlich selbstbewusster, wenn man das macht, was man liebt. Aber das heißt nicht, dass man wie ein Düsenjet abhebt. Man verändert sich, wenn sich Menschen um einen herum verändern. Ich war nicht der, der die Menschen plötzlich anders angeguckt hat. Ich konnte mich darauf vorbereiten, dass ich von meiner Arbeit gut leben kann. Ich wusste nicht, dass der Erfolg so enorm groß wird, aber ich war einigermaßen vorbereitet. Mein komplettes Umfeld war es aber überhaupt nicht. Ich bin immer noch Tim."

Dass er in Interviews wie ein Luchs aufpassen muss, hat sich auch schon bestätigt, weil ihm gezielt Fragen gestellt werden, aus denen man Schlagzeilen konstruieren kann.

Wenn reale Freundschaften virtuell werden

Tim hat vor diesem "schwierigen zweiten Album" keinen Erfolgsdruck gespürt. Er hat einfach Songs gemacht, die ihm gefallen. Seine Songs entstehen eher unromantisch - er setzt sich ins Studio und schreibt. So auch "Programmiert": Die Zeile "Heute bin ich digital" fiel ihm spontan ein, das Lied hat er dann ins Handy eingetippt. Im Song geht es um die vielen sozialen Netzwerke. "Zu unseren realen Freundschaften sind jetzt auch noch die virtuellen hinzugekommen. Das kann man gut finden oder nicht. Ich bin da etwas skeptisch. Denn jetzt wird es schlimmer, weil unsere realen Freundschaften auch virtuell werden. Ich sehe ständig Menschen im Raum sitzen mit Handys in der Hand, und wenn überhaupt gesprochen wird, dann über das, was im Handy passiert."

Der Faden wird nicht reißen

Den Albumtitel "Am seidenen Faden" erklärt er so: "Ich bin ja ein großer Freund des Hinterfragens. Der Titel ist in vielerlei Hinsicht Ironie, weil ich weiß, dass die meisten Menschen denken: 'Tim hat jetzt Angst, dass er abstürzt.' Ich denke aber genau anders rum. Ich glaube, wenn Dinge auf der Kippe stehen, dass sie sich zum Guten wenden, und wenn etwas am seidenen Faden hängt, heißt es ja nicht, dass der Faden reißen wird. Ich bin grundsätzlich Optimist, ich glaube, dass der Faden am Ende des Tages nicht reißen wird."

Tim Bendzko




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